2 Arbeit- 2.1 Der schlechte Ruf der Arbeit in der Marktwirtschaft

Einen bedeutenden Teil (für viele den Großteil) der Lebenszeit verbringt ein Bürger der Industrieländer „in der Arbeit“. Die Leute sind zwar froh, „Arbeit zu haben“ – schließlich sind sie ja davon existentiell abhängig –, aber wirklich zufrieden mit ihrer Arbeit sind die wenigsten.

Die Arbeit ist für die Arbeitnehmer in der Marktwirtschaft als Abhängigkeitsverhältnis eingerichtet. Der Arbeitnehmer arbeitet für den Arbeitgeber (Unternehmer) und ist dessen Kalkulationen ausgesetzt – jener hat seine Arbeitskraft als Lohnarbeiter verkauft.
Was er für seine geleistete Arbeit erhält ist Geld, – und zwar nicht den Geldgegenwert seiner erwirtschafteten Produkte, sondern ein Quantum, das von mehreren Faktoren wie Tradition, Ausbildung, Geschlecht, Konkurrenz etc. abhängig ist. Letztendlich bestimmt der Unternehmer, was die Arbeitskraft ihm wert ist. Ob er nun viel oder wenig bezahlt – die Arbeitkraft ist ein Kostenfaktor und somit immer Abzugsposten des zu erwirtschaftenden Profits. Die Konsequenz für die meisten Arbeitenden wurde schon oben beschrieben: Ein bescheidenes Leben trotz aller Plackerei.

Die Kalkulation des Unternehmers wirkt sich auch auf die Arbeitsinhalte aus:
Die Arbeit ist so gestaltet, dass möglichst viel produziert werden kann, bzw. dass die Kosten der Arbeit in Relation zu den Werten gering gehalten werden. Dies hat – je nach Branche – bestimmte Auswirkungen auf die Arbeitsinhalte.
In der Industrie ist die Fließbandarbeit ein beliebtes betriebswirtschaftliches Effektivierungsinstrument. Gekoppelt mit dieser oft körperlich sehr einseitigen und geistig monotonen Arbeit ist die Entlohnung als Akkord – es wird gemäß geleisteter Stückmenge bezahlt. Dies erhöht den Druck auf Psyche und Physis, und dementsprechend verbraucht sind die Arbeitskräfte ab einem gewissen Alter.
Da die großen Maschinen viel kosten und nichts bringen, wenn sie ungenutzt herumstehen, muss auch in der Nacht gearbeitet werden. Die sozialen und gesundheitlichen Schädigungen durch die Schichtarbeit sind bekannt.

In den so genannten Industrieländern ist ein Großteil der Bevölkerung im Dienstleistungsbereich tätig. Bei der Bürotätigkeit, die heutzutage einen großen Teil dieses Bereichs ausmacht, gibt es zwar eine vergleichsweise geringere körperliche Belastung jedoch meistens ständigen Zeitdruck, Erfolgsdruck, Konkurrenz unter den Kollegen (Intrigen, Mobbing), Ungewissheit bezüglich der Arbeitsplatzsicherheit. Denn auch in diesem Bereich gilt das Prinzip, dass die Arbeitskraft „ihr Geld Wert sein muss“, d.h. ihr Einsatz muss sich als Gewinn für den Unternehmer niederschlagen.
Phänomene, die heutzutage mit dem viel strapazierten Begriff „Stress“ bezeichnet werden, der von Leuten, die in der Verwaltung oder im Management beschäftigt sind, gerne als Ausdruck ihrer allgemeinen Lebensbefindlichkeit verwendet wird. Sich gegen andere durchsetzen zu müssen, schlägt sich in den sozialen Beziehungen nieder, und verursacht psychische und letztlich auch physische Probleme (siehe Kapitel „Das Elend der Marktwirtschaft / Gesundheit“). Bei manchen stellt sich auch eine Aversion gegen die Arbeit ein (- vor allem bei mangelndem Erfolg trotz intensiver Anstrengungen), die umso nachhaltiger ist, je weniger Chancen bestehen, diesen Zustand zu ändern.

Um Bedürfnisse einigermaßen befriedigen zu können, ist der Arbeitnehmer im Regelfall darauf verwiesen, 35 – 45 Stunden in der Woche gegen Entgelt zu arbeiten. Auch diejenigen, die sich um den Haushalt und ihre Kinder kümmern, müssen Geld verdienen, um die Familie erhalten zu können. Erziehung und Haushaltsarbeit wird in der Marktwirtschaft nicht als Lohnarbeit anerkannt, da der Bereich Familie nicht in die Profitmacherei miteinbezogen ist. Man braucht gar nicht die umfangreichen Studien zum Thema „Persönliches Zeitmanagement“ studieren, sondern kann es sich selbst ausrechnen bzw. weiß es aus eigener Erfahrung: Rechnet man die Zeit für die Wiederherstellung von Körper und Geist (Körperpflege, Essen, Schlaf, Haushaltsarbeit) und die Wegzeit zur Arbeit und retour, so bleibt für das sonstige Leben zumindest während der Woche nicht allzu viel Zeit übrig.
Konsequenterweise versuchen viele dann in der ihnen zugestandenen Erholungszeit (Wochenende und Urlaub) möglichst viel nachzuholen und sich „auszuleben“. Auch dies gerät dann mehr zum Stress als zur Muße und zu Genuss. Der heutige Mensch ist selbst in seiner Mußezeit in „Zeitnot“.
Andererseits sind so manche von ihrer Arbeit so „ausgebrannt“, dass es in ihrer Freizeit gerade zum passiven Erholen reicht. Liegestuhl und Fernsehen, zu mehr hat man keine Lust – man will nur Ruhe, sich einigermaßen erholen, um danach die Arbeit wieder aus- und durchhalten zu können.

Wenn die marktwirtschaftliche Arbeitswelt den älteren Menschen nicht mehr lohnend einsetzen kann, wird er in den „Ruhestand“ entlassen. Dann hat er zwar weniger Geld aber nichts als Freizeit. Eingeschränkt durch Geldmittel und körperliche Befindlichkeit erschließt sich für die Alten dann die Welt der Muße. (Und diese Mußejahre werden trotz einer höheren Lebenserwartung infolge der Anhebungen des gesetzlichen Arbeitsaustrittsalters auch nicht vermehrt.) Der freudigen Erwartung des Ruhestands folgt dann oft die Ernüchterung. Hatte man früher zu wenig Zeit, so weiß man im Alter die Freizeit nicht mehr so recht zu nützen oder kann sie nicht wunschgemäß verbringen.


1 Antwort auf “2 Arbeit- 2.1 Der schlechte Ruf der Arbeit in der Marktwirtschaft”


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