1 Armut

Die Marktwirtschaft ist keine Mangelwirtschaft wie etwa die Wirtschaft des Mittelalters. Reichtum ist vorhanden und diese Produktionsweise wäre technisch in der Lage, alle mit Gütern gut zu versorgen – doch darum geht es in der Marktwirtschaft nicht:
Die Produzenten (Arbeitskräfte) kommen beim Erwirtschaften von Geld (bzw. Kapital) als Kostenfaktor vor. Das bedeutet, dass ihre Beteiligung an dem von ihnen erzeugten Reichtum relativ knapp gehalten wird. Diese Grundlage der Armut, der Gegensatz zwischen Kapital und Lohn, hat sich bis heute nicht geändert, da sich jene aus der ökonomischen Verfassung der Marktwirtschaft ergibt, die (noch immer) mit dem Begriff Klassengegensatz am treffendsten charakterisiert ist.
Gewandelt hat sich in den letzten hundert Jahren die Einstellung der Staaten, zumindest der Industrieländer, gegenüber der Verelendung der arbeitenden Bevölkerung: es wird darauf geachtet, dass der Großteil der Arbeitskräfte brauchbar für den Einsatz in der Wirtschaft bleibt – auch in arbeitslosen Zeiten und in Krankheitsfällen. Benützt werden dazu Einkommensteile, die bei den Arbeitenden (vorher) einbehalten werden. (Siehe dazu Kapitel „Der staatliche Umgang mit der Marktwirtschaft und deren Elend“)
Geändert hat sich in der Ersten Welt auch das Bild des Elends. Die heutige Gesellschaftstheorie kennt deshalb nur mehr „Schichten“ – der ökonomische Klassenbegriff ist „verschwunden“ – und spricht von einer „Wohlstandsgesellschaft“.

Bei all dem Anwachsen des absoluten Reichtums bleibt der relative Anteil der Arbeitnehmer daran gering.
Man sollte sich nicht blenden lassen von der angebotenen Warenvielfalt und dem Reichtum der Oberschicht, sondern sich die Lebensumstände des Großteils der Bevölkerung genauer ansehen. Der Großteil, selbst in der Ersten Welt, muss mit dem Einkommen haushalten, um sich grundlegende Bedürfnisse erfüllen zu können – vielleicht bleibt dabei ab und zu etwas für ein bisschen „Luxus“ über. Da können sie dann aber schon gehörig aufpassen, sich dabei nicht zu übernehmen.
Für viele reicht es nicht einmal für die Abdeckung der grundsätzlichsten Bedürfnisse, wie z.B. das Vorhandensein eines ausreichenden Wohnraums. Selbst die Statistiken der Marktwirtschaft belegen die Armut großer Teile der Bevölkerung, auch wenn dabei die Armutsgrenze sehr tief angesetzt wird. Diese Lebenslage ist am besten mit dem zynischen Spruch „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ zu charakterisieren.

Wenn man die Dritte Welt in diese Begutachtung miteinbezieht – und das ist immerhin der Großteil der Weltbevölkerung – wird die Armutsproblematik noch drastischer. („Zum Leben zu wenig“ trifft da zu, „zum Sterben zu viel“ nicht mehr.)
Da sind dann sogar glühende Verfechter der Marktwirtschaft „erschüttert“. Allerdings kommt es ihnen auch nicht in den Sinn, dies der Marktwirtschaft anzulasten sondern dem jeweiligen Menschenschlag oder den klimatischen Bedingungen.
Angesichts der Armut in der Dritten Welt lassen sich so manche Prediger dazu hinreißen, den Reichtum in den Industrieländern als „Überfluss(gesellschaft)“ zu charakterisieren. Erstens unterliegt diese Charakterisierung dem (absichtlichen) Missverständnis, dass der Reichtum in den Auslagen der Geschäfte allen unbeschränkt zugänglich wäre. Zweitens meint das „Über-“, dass der Mensch zum Leben eigentlich viel weniger brauchen würde – ein Zynismus angesichts der Lebensumstände eines großen Teils der Bevölkerung. Drittens lebt dieses Bild von dem Vergleich mit den kargen Zuständen früherer Gesellschaften oder den Hungerregionen der Welt: Mit dem Deuten auf noch miesere Zustände wird die Unzufriedenheit von Leuten, die meinen, ihnen fehle einiges für ein angenehmes Leben, als irrelevant abgetan.
Sehr beliebt in diesem Zusammenhang ist auch der Spruch: „Geld allein macht nicht glücklich“. Das stimmt, denn Geld ist für die meisten nur Mittel, sich ein paar angenehme Sachen zu leisten. Gemeint ist allerdings vielmehr, dass Gesundheit, Freundschaften, Liebe etc. zum Lebensglück dazugehören. Das ist nicht zu bestreiten – und einiges vom Glück lässt sich auch mit noch so viel Geld nicht kaufen. Doch stimmt es nicht auch, dass sich ein Leben mit ausreichend Geld viel komfortabler gestalten lässt, bzw. umgekehrt, dass ständiger Geldmangel Sorgen beschert, die dem Glück nicht zuträglich sind? Jemandem, der damit kämpft, mit den Lebensumständen zurechtzukommen und Widrigkeiten auszuhalten, diesen Spruch entgegenzuhalten, ist zwar Trost spendend gemeint aber dennoch zynisch. Trost kann dies nur denjenigen spenden, die sich mit ihren bescheidenen Verhältnissen schon abgefunden haben.


1 Antwort auf “1 Armut”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:03 Uhr
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