Teil 3: Frühere alternative Modelle und realisierte Versuche

Was hat es mit dem Einwand auf sich, das Modell der BVW wäre gar nichts Neues, wäre „schon dagewesen“? Auch wenn dies richtig wäre, ergäbe sich daraus noch keine Kritik der BVW. Außerdem stellt sich beim genaueren Studium heraus, dass es wenige gut durchdachte Modelle gibt, die Ähnlichkeiten mit einer BVW aufweisen. Noch rarer sind gesamtgesellschaftlich realisierte Alternativen der Marktwirtschaft. Worin bestehen nun Ähnlichkeiten und Unterschiede einiger Modelle und Versuche zur BVW?

Im Abschnitt „Die alternative Gesellschaft als Utopie“ werden zwei Modelle vorgestellt, die von einer Kritik an Privateigentum und Geld ausgehen.
Das eine Modell, die „Utopia“ von Thomas Morus, ist kein Gegenmodell zur Marktwirtschaft und zwar aus dem einfachen Grund, da die Marktwirtschaft zu Zeiten des Morus gar noch nicht das war, was sie heute ist. Es gab zwar Privateigentum, Markt und Geld als Kapital und Kredit, aber so etwas wie Arbeitsmarkt, Industrie, Währung und Weltmarkt waren erst im Entstehen begriffen oder überhaupt noch nicht vorhanden. Warum ist die „Utopia“ für die Thematik des Buches dennoch interessant? Morus ist vor allem Kritiker des Privateigentums und Geldes. Er analysiert die Zustände der englischen Gesellschaft seiner Zeit, kritisiert auch die Schönfärberei und entwickelt daraus als Antithese sein auf Gemeineigentum, geplanter Produktion und Verteilung beruhendes Modell. Diese Gesellschaftskritik und konsequent durchdachte Alternative enthält Gedanken, die es lohnen, kommentiert zu werden.
Von der Flut alternativer Gesellschaftsmodelle, die vor allem mit dem Erstarken der Marktwirtschaft, der Industrialisierung und der Verelendung des Proletariats entstanden, passt „Looking Backward“ von Edward Bellamy am besten zur Thematik dieses Buches. Wie bei Morus ist der Ausgangspunkt eine Kritik an Privateigentum und Geld: Die Marktwirtschaft bringe für wenige Reichtum und für viele bescheidene bzw. ärmliche Lebensverhältnisse. In vielen Beispielen versucht Bellamy die Marktwirtschaft als irrationale Ökonomie zu entlarven und konterkariert sie mit seinem Modell. Dieses basiert auf Gemeineigentum und Güterverteilung. Durchaus überlegenswert ist seine Lösung des Zusammenhangs zwischen Arbeit und Zuteilung. Die Grundkonzeption des Werkes und einige Passagen werden erläutert und kritisiert.

Die wohl schärfsten Kritiker der Marktwirtschaft, die Sozialisten und Kommunisten des 19. Jahrhunderts hielten nicht viel von utopischen Gesellschaftsmodellen. Bei Marx, Engels und anderen führenden Köpfen der Arbeiterbewegung wird man nicht viel über die Funktionsweise der alternativen Ökonomie und Gesellschaft erfahren. Sie stellten den Utopien ihre „Nicht-Utopie: den wissenschaftlichen Sozialismus“ gegenüber. Die Verweigerung der Darstellung einer Alternative beruhte vor allem auf zwei Standpunkten: dem wissenschaftlichen Anspruch und dem Historischen Materialismus. Kann man diesen Standpunkten etwas abgewinnen? Das Für und Wider wird abzuklären sein.

Schließlich gab es auch „realisierte Versuche alternativer Ökonomien“, welche sich der Logik des Privateigentums, Marktes und Kapitals entzogen. Im Vorspann wird an ein Gemeinwesen erinnert, welches zwar aufgrund seiner historischen Entwicklung nicht als bewusste Antithese zur Marktwirtschaft verstanden werden kann, aber alle Eigenschaften einer geplanten Versorgungswirtschaft aufwies. Die Reduktionen (der Jesuiten) in Paraguay, auch bekannt als Jesuitenstaat, bestanden aus vielen Siedlungen, die jede für sich eine Art Planwirtschaftseinheit darstellten. Die auf Gemeineigentum, geplanter Produktion und Verteilung der Güter beruhende Wirtschaft, die in puncto Güterproduktion erfolgreicher als die Feudalwirtschaft der europäischen Ländereien war, erinnert an die Ökonomie „Utopias“. Mit dieser praktizierten Gemeinwirtschaft wurde anschaulich widerlegt, dass Privateigentum und Geld quasi natürliche Elemente einer praktikablen und florierenden Wirtschaft wären, und Gewalt eine notwendige Klammer menschlichen Zusammenlebens sei. Die Kolonialherren hatten letztendlich dafür kein Verständnis.
Als bewusst organisiertes Gegenkonzept zur Marktwirtschaft kann die Ökonomie der Sowjetunion aufgefasst werden. Beginnend mit der Russischen Revolution von 1917 sollte für ein riesiges Land eine sozialistische Wirtschaft eingerichtet werden. Die erste historische Phase der Revolutionierung der sowjetischen Ökonomie wird als „Kriegskommunismus“ bezeichnet. Es gab eine Perspektive namens „Kommunismus“ und ein dementsprechendes gesellschaftliches Modell, das rasch umgesetzt werden sollte. Innen- und außenpolitische Umstände sprachen dann schließlich gegen die Fortsetzung der raschen Umsetzung. Das Modell des Kommunismus wurde nicht aufgegeben, aber im Streit über den richtigen Weg dorthin entschied letztlich (vor allem) Lenin, vorerst wieder auf marktwirtschaftliche Elemente zurückzugreifen.
Mit der Stabilisierung der politischen Verhältnisse wurde dann unter Stalin das Privateigentum rigoros (auch in der Landwirtschaft) in Staatseigentum umgewandelt und eine Ökonomie aufgezogen, die von den führenden Ideologen die Bezeichnung „Realer Sozialismus“ verliehen bekam. Wie sah diese Ökonomie aus und was unterschied diese von einer vernünftig organisierten Versorgungswirtschaft? Wurde letztere deshalb nicht eingeführt, weil man sich noch viel zu sehr an der Marktwirtschaft orientierte und schließlich auch die Kritik der Marktwirtschafter an dieser Ökonomie für richtig hielt? Die Klärung dieser Fragen sollte auch einiges zum Verständnis einer BVW beitragen und diesbezügliche Missverständnisse und unkorrekte Analogien vermeiden helfen.
Etwas später als in Russland entstand in China eine weitere Alternative, die mit der Marktwirtschaft nichts zu tun haben wollte. Dieser „Dritte Weg“ erschien vorerst als Übernahme des sowjetischen Modells, doch mit der Zeit ergaben sich Abweichungen vom sowjetischen Kurs. Mao Tse-tung sah die Chance, mit einer sozialistischen Wirtschaft die gesamte Bevölkerung für den Aufbau einer Weltmacht China einzusetzen und damit auch die Abhängigkeit vom marktwirtschaftlichen Ausland abzuschütteln. Um dies zu verwirklichen, setzte er nicht nur auf ein spärlich vorhandenes Proletariat sondern vor allem auf die Bauern des Landes. Dieser „Maoismus“ prägte mehr als zwei Jahrzehnte die Entwicklung der Volksrepublik China. Die Souveränität gegenüber dem kapitalistischen Weltmarkt wurde mit der Politik der kollektiven Anstrengung tatsächlich erreicht. Die Nachfolger Maos sahen China nun stark genug und in der Lage, auf die Gegnerschaft zur Marktwirtschaft zu verzichten. Sie arbeiteten sich beim Umbau der Wirtschaft von einer „sozialistischen Warenwirtschaft“ bis zu einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ vor und es könnte sein, dass der „Dritte Weg“ demnächst den Titel „Chinesische Marktwirtschaft“ erlangt.
Hatte Mao so etwas wie den Aufbau einer Versorgungswirtschaft im Sinn? Worauf kam es ihm, der wie kein anderer Politiker „das Volk“ zitierte, an? Was sahen die Nachfolger Maos anders als der große Vorsitzende? Was unterscheidet die Marktwirtschaft der Volksrepublik China heutzutage noch von einer Marktwirtschaft eines Landes der Ersten Welt? Beweist dies die Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber allen radikalen Alternativen und wäre die BVW ebenso zum Scheitern verurteilt?


1 Antwort auf “Teil 3: Frühere alternative Modelle und realisierte Versuche”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 14:57 Uhr
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